Portrait Tamara

Portrait Tamara

Tamara (37) aus St. Gallen ist Mitglied der Interessengemeinschaft Back to the Roots und hat sich unseren Fragen gestellt:

Liebe Tamara, wie ging es dir, als du zum ersten Mal von den illegalen Adoptionen aus Sri Lanka gehört hast?

Meine Kollegin hat mich darauf aufmerksam gemacht. Sie ist ebenfalls adoptiert. Ich fing an zu recherchieren, da ich am Anfang dachte, dass es nicht wahr sein kann. Leider musste ich feststellen, dass es wahr ist.

Mir hat es den Boden unter den Füssen weggerissen. Ich verspürte Trauer, Wut und auch hatte ich das Gefühl, dass ich mit einer Lüge aufgewachsen bin. Ich stellte mir immer wieder die Frage: Wer bin ich wirklich? Ich habe am Anfang sehr viel geweint. Es überkam mich teilweise in der Öffentlichkeit.

Und wie wurdest du auf die Interessengemeinschaft Back to the Roots aufmerksam?

Ebenfalls durch meine Kollegin, die schon Mitglied war. Anfänglich wollte ich nicht dabei sein, da ich mir dachte, dass es für mich keinen Nutzen hat. Aber als ich sah, dass ich ja eine von vielen bin, war für mich klar, dass ich dabei sein wollte. Es hilft mir zu wissen, dass es noch mehr Betroffene gibt und ich nicht allein bin.

Wie hat Back to the Roots dir geholfen?

Das Team von Back to the Roots stand mir beratend zur Seite. Meine Unterlagen konnte ich einreichen und diese wurden studiert. Ich konnte telefonisch Kontakt aufnehmen und mir wurde auch auf der emotionalen Ebene geholfen.

Die Interessengemeinschaft hat mir neue Freundschaften geschenkt. Es ist einfacher mit Adoptierten über die Adoption zu reden, als mit Menschen die nicht adoptiert sind. Ich muss mich nicht erklären und werde auf allen Ebenen verstanden, was bei nicht-Adoptierten nicht der Fall ist.

Du hast dich mit deiner Geschichte auch an die Öffentlichkeit gewendet (zum Artikel). Was hat dich dazu bewogen?

Ich möchte die Gesellschaft sensibilisieren. Ich musste mir immer wieder unangenehme Äusserungen anhören: “Was willst du denn? Dir geht es ja hier viel besser als in Sri Lanka!” Ich solle froh sein, dass ich in der Schweiz bin und so weiter. Solche Aussagen machen mich traurig und wütend.

Nicht-Adoptierte verstehen oft nicht, was wir Adoptierte durchmachen. Ich finde sie haben kein Recht uns vorzuschreiben, wie wir uns fühlen sollen.
Es war für mich nicht einfach, dass meine Geschichte öffentlich wurde.

Viele meiner Bekannten kannten meine Geschichte bisher nicht, wussten nicht was mich bewegt. So etwas Persönliches mit der Öffentlichkeit zu teilen benötigt Mut und Selbstvertrauen. Ich bin froh, dass mich mein nahestehendes Umfeld darin bestärkt und unterstützt hat.

Was hat der Bericht von St. Gallen über Honegger bei dir ausgelöst?

Der Bericht an sich ist ja ziemlich kritisch. Jedoch war die begleitende Berichterstattung in den Medien bagatellisierend und beschönigend, als hätten die Behörden keine Fehler begangen. Das hat mich aufgebracht.

Welchen Rat würdest du anderen Adoptierten in deiner Situation gerne geben?

Wenn sie Interesse haben, was ja nicht bei allen den Fall ist, sollen sie die Energie investieren und sich mit dem Thema auseinandersetzen. Wichtig ist es, dabei ein stabiles Umfeld zu haben, also Menschen, die sie verstehen und mit denen sie reden können. Für mich ist es ganz wichtig, solche Freunde zu haben, die mich auffangen. Sie verstehen mich und sind ab und zu auch kritisch. Adoptierte auf der Suche sollen nicht aufgeben, aber sich auch Zeit lassen.

Was möchtest du betroffenen Adoptiveltern auf den Weg geben?

Dass sie keine Schuld trifft. Sie wurde ja ebenfalls betrogen. Ich finde es wichtig, dass sie mit ihren Kindern, auch wenn die jetzt erwachsen sind, offen und ehrlich darüber reden.

Gibt es sonst noch etwas, das du gerne sagen möchtest?

Ich möchte allen danken, die mich auf meinem Weg begleiten. Ohne sie würde ich dies nicht schaffen.

Vielen Dank für deine Offenheit, liebe Tamara!