Bericht über Adoptionsvermittlerin Alice Honegger erschienen

Bericht über Adoptionsvermittlerin Alice Honegger erschienen

Luzern, 29. Januar 2019

Am Montag, 28. Januar 2019, hat der Kanton St. Gallen endlich den Bericht von Sabine Bitter über die Adoptionsvermittlung durch Alice Honegger und die Aufsichtstätigkeit der Behörden freigegeben. Zusammen mit dem Bericht hat der Kanton St. Gallen eine verharmlosende Stellungnahmeveröffentlicht. Back to the Roots nahm mit einer Medienmitteilung Stellung.

Der Bericht ist ein erster wichtiger Schritt

Der am Montag veröffentlichte Bericht enthält eine fundierte Darstellung der Faktenlage, insbesondere der damals geltenden Rechtsgrundlagen. Die Vermittlungstätigkeit und die sehr geschäftstüchtige Arbeitsweise von Frau Honegger wird ausführlich beleuchtet.

Aufsichtspflichten über internationale Adoptionen verletzt

Der Bericht zeigt auf, dass die Aufsichtsbehörde vorhandenen Hinweisen nicht oder nur ungenügend nachgegangen ist. Die Bewilligung für die Vermittlungstätigkeit wurde Alice Honegger immer wieder erteilt, obwohl die notwendigen Dokumente nicht vollständig waren und obwohl beispielsweise der Schweizer Botschafter in Sri Lanka bereits früh auf möglichen Kinderhandel hingewiesen hat. In der Zusammenfassung des Berichts kommt die Autorin zum Schluss: «Insgesamt hat der Kanton St. Gallen die Aufsicht über die Adoptionsvermittlung von Alice Honegger ungenügend wahrgenommen» (Bericht Bitter, Seite 72).
Uns vorliegende Einzelschicksale belegen zudem, dass auch geltende Gesetzesvorschriften wie Alterslimiten oder Eignungsprüfungen von Adoptiveltern bei Adoptionen aus Sri Lanka teilweise nicht eingehalten wurden.

Mangelnde Sensibilität der Behörden

Back to the Roots ist die Interessengemeinschaft für Adoptierte aus Sri Lanka in der Schweiz. Sarah Ineichen, Präsidentin des Trägervereins, ist enttäuscht über die politische Einordnung des Berichts: «Dass der Kanton St. Gallen die damaligen Ereignisse als administrative Unzulänglichkeiten darstellt und daraus folgert, dass den Behörden kein rechtswidriges Vorgehen vorgeworfen werden kann, ist für mich unverständlich.» Der Kanton St. Gallen scheint auch 30 Jahre später noch nicht gewillt, aus der Vergangenheit zu lernen. «Uns Adoptierten geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, dass vergangenes Unrecht anerkannt wird und dass der Kanton St. Gallen seine Verantwortung wahrnimmt gegenüber uns und unseren Familien», betont Sarah Ineichen.

Adoptierte in schwieriger Situation

Adoptierte aus Sri Lanka sind aktuell in einer schwierigen Situation. Viele haben erst durch die neusten Enthüllungen herausgefunden, dass ihre Lebensgeschichten anders sind, als man sie glauben machte. Viele haben herausgefunden, dass Name, Geburtsort und Geburtsdatum in ihren Papieren erfunden sind. Die ambivalente Position zwischen Loyalität gegenüber den Adoptiveltern einerseits und dem starken Wunsch, die eigenen Wurzeln zu finden andererseits, kann sehr belastend sein. Der Verein Back to the Roots begrüsst es daher sehr, dass der Kanton nun Betroffene dabei unterstützen will, ihre leiblichen Eltern ausfindig zu machen. Diese Unterstützung muss aus Sicht der Adoptierten gedacht und gestaltet werden: Die Adoptierten müssen bei der Suche nach ihren Dokumenten unterstützt und begleitet werden.

Back to the Roots ist derzeit die einzige unabhängige Anlaufstelle in der Schweiz

Diese Begleitung muss von einer Fachstelle angeboten werden, die nicht gleichzeitig Adoptionen vermittelt und sie muss unabhängig sein von der Behörde, die Adoptionen vollzieht oder beaufsichtigt. Heute bietet kein Kanton diese Begleitung durch eine unabhängige Stelle an. Deshalb wenden sich viele Adoptierte an Back to the Roots. Auch zuständige kantonale Stellen verweisen hilfesuchende Adoptierte an Back to the Roots. Wir erbringen diese Leistung bisher ohne Entschädigung durch die Kantone, finanziert einzig durch Spenden und viel ehrenamtliche Arbeit. Die Kantone müssen jetzt ihre Verantwortung wahrnehmen und den adoptieren Personen auf der Suche nach ihren familiären und emotionalen Wurzeln rasch professionelle administrative und psychologische Begleitung und Unterstützung zur Verfügung stellen.

Auch in Sri Lanka sind Mütter auf der Suche

Nicht nur die Adoptierten in der Schweiz, sondern auch Mütter in Sri Lanka sind auf der Suche. Angesichts gefälschter Dokumente sind DNA-Datenbanken die einzige Möglichkeit, Familien zusammenzuführen. Back to the Roots hat erste DNA-Kits an suchende Mütter in Sri Lanka abgeben können. Für deren Finanzierung sind wir ebenfalls auf Spenden angewiesen.

Die Aufarbeitung der Auslandadoptionen muss fortgesetzt werden

Back to the Roots fordert vom Kanton St. Gallen eine Anerkennung des geschehenen Unrechts und eine vorbehaltlose Unterstützung der Adoptierten. Insbesondere soll der Kanton St. Gallen die Aktenbestände der heutigen Stiftung Adoptio sicherstellen. Für viele Adoptierte sind diese Dokumente die einzige Hoffnung. Weiter soll sich der Kanton St. Gallen beim Bund dafür einsetzen, dass betroffene adoptierte Personen schweizweit, rasch und unbürokratisch direkte Unterstützung erhalten. Das Bundesamt für Justiz erarbeitet derzeit im Auftrag des Parlaments ebenfalls einen Bericht über die illegalen Adoptionen aus Sri Lanka in die Schweiz. Back to the Roots unterstützt diese Recherchen

Zum Verein Back to the Roots

Adoptierte aus Sri Lanka in der Schweiz haben am 24. Februar 2018 den Verein Back to the Roots gegründet, der die gleichnamige Interessengemeinschaft trägt. Ziel des Vereins ist es, sich gemeinsam für die Interessen adoptierter Personen aus Sri Lanka in der Schweiz einzusetzen und sich gegenseitig auszutauschen und zu unterstützen. Er setzt sich ein für die Anerkennung und eine Wiedergutmachung des geschehenen Unrechts und kämpft dafür, dass sich solches nicht wiederholt.

Kontakt für Medienanfragen

Ursula Berset
Geschäftsstelle Back to the Roots,
079 345 16 57
ursula.berset@bluewin.ch

Medienmitteilung als PDF

PDF Bericht im Auftrag des Amts für Soziales des Departements des Innern des Kantons St.Gallen – anonymisierte Fassung vom 29. November 2018 (Link zum Original)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.