Begegnung mit einer suchenden Mutter in Sri Lanka

Begegnung mit einer suchenden Mutter in Sri Lanka

Die 65-jährige Ayanthi (Name geändert) hat eine mehrstündige Reise auf sich genommen, um ihre DNS abzugeben und über das damals Geschehene zu sprechen.

Sie kann sich nicht genau erinnern, wann die Sache vorgefallen war. Ende 1982 oder Anfang 1983 schätzt sie, als sie rund 25 Jahre alt war. Die Schwangerschaft resultierte aus einer heimlichen Liebschaft. Als ihre Mutter von der Schwangerschaft erfuhr, brachte sie Ayanthi in die nächstgelegene grössere Stadt und sagte ihr, dass sie sie fortjagen würde, sollte sie versuchen, schwanger oder mit dem Kind wieder nach Hause zu kommen.

Ayanthi erzählt mit leiser Stimme. Sie hatte bisher kaum Gelegenheit gehabt, offen darüber zu sprechen. Ihr Ausdruck und ihre Körperhaltung widerspiegeln Scham und Trauer.
Wie Ayanthi die Zeit während der Schwangerschaft verbrachte, darüber sprach sie mit uns nicht. „Meine Tante regelte die Einweisung in den Staatspital als die Entbindung anstand. Doch niemand war da mit mir im Spital, ich war zwei Tage ganz alleine.“

Geplant war, dass nach der Geburt eine Bekannte die frisch gebackene Mutter und ihr Kind aufnehmen würde und dass das Kind dann bei dieser Familie bleiben könne. Doch dieser Plan kam letztenendes nicht zu Stande. Ayanthi stand alleine da mit ihrem neugeborenen Mädchen. Verzweifelt wandte sie sich ans Probation Office, hoffte, dass sie ihr Kind dort abgeben könne. Doch dort half man ihr nicht.

„Ich wollte einfach nur zurück zu meiner Familie.“ Die Tränen laufen Ayanthi über die Wange während sie erzählt. Ihre Stimme ist noch leiser geworden. „Ich war völlig hilflos.“
Sie wischt sich mit der Handfläche über die nasse Wange. „Ich weinte und weinte als ich aus dem Probation Office kam.“
Eine Frau, die auf der Strasse Betelblätter verkaufte, kam auf sie zu. „Gib mir dein Kind. Ich werde dafür sorgen, dass es ein gutes Zuhause bekommt.“ Ayanthi sah keinen anderen Ausweg aus ihrer desolaten Situation und händigte der Frau ihr Baby aus. Wenigstens durfte sie so zu ihrer Familie zurückkehren.
„Ich weinte die ganze Zeit. Ich war so verzweifelt. Ich hatte das Kind nicht weggeben wollen, doch ich sah keinen anderen Weg.“

Heute ist Ayanthi verheiratet, hat 3 weitere Töchter und einen Sohn. Ihre Kinder wissen nichts von ihrer ältesten Schwester, doch ihr Mann weiss von dem Kind.
Wo auch immer die heute erwachsene Tochter leben mag, ihre Identität basiert auf falschen oder nicht-existierenden Geburtsdaten. Denn die Geburt wurde nie im Einwohneramt registriert. Eine Geburtsurkunde gibt es somit nicht. Auch die Frau, der Ayanthi damals ihr Kind gegeben hatte, konnte sie nicht mehr ausfindig machen.

Der DNS-Test ist für Ayanthi die letzte Hoffnung. Es bleibt also nur zu hoffen, dass auch die Tochter den Wunsch verspürt, ihre srilankische Familie zu finden und dazu einen DNA-Test macht.
„Wenn ich sie finde, werde ich auch den Rest meiner Familie informieren. Heute bin ich stark genug. Viel Geld habe ich nicht, aber genug, damit ich mich um meine Tochter kümmern kann.“ Ayanthi hält dabei meine Hand mit einer Bestimmtheit, als wäre es die Hand ihrer eigenen Tochter.
„Ich möchte einfach nur meine Tochter wiederfinden bevor meine Zeit zu Ende ist.“